RESSORTS.
Acht Felder Bach-Praxis — vom Werkverzeichnis bis zum GEMA-Tarif.
- I
Werk
Das Mutterressort. Bach-Werkverzeichnis-Disziplin. BWV (Bach-Werke-Verzeichnis von Wolfgang Schmieder, 1950 in erster Auflage erschienen) als die zentrale Werk-Katalogisierung mit 1128 nummerierten Werken (BWV 1 bis 1128, plus BWV Anh. mit zweifelhaft zugeordneten Werken, plus seit der zweiten Schmieder-Auflage 1990 die BWV-Nummern für später entdeckte Werke). Werk-Hauptkategorien: Kantaten (BWV 1 bis 224 für die etwa 200 erhaltenen Kirchenkantaten plus weltliche Kantaten), Passionen (Matthäus-Passion BWV 244 von 1727 in der Ur-Aufführungs-Tradition und in der Mendelssohn-Wiederbelebung 11. März 1829), Oratorien (Weihnachts-Oratorium BWV 248 von 1734), Choralvorspiele für Orgel (BWV 599 bis 771), Goldberg-Variationen (BWV 988 von 1741 in der Aria-mit-30-Variationen-Form), Brandenburgische Konzerte (BWV 1046 bis 1051 von 1721). Editions-Linie: Neue Bach-Ausgabe (NBA) als die kritische Gesamtausgabe in 99 Bänden vom Bach-Archiv Leipzig in Zusammenarbeit mit Bärenreiter-Verlag Kassel zwischen 1954 und 2007. NBA II als die seit 2010 laufende zweite kritische Ausgabe.
→ - II
Aufführung
Historisch informierte Aufführungspraxis-Disziplin. HIP-Bewegung seit den 1950ern mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus Wien (1953 gegründet), Gustav Leonhardt und dem Leonhardt-Consort, Ton Koopman und dem Amsterdam Baroque Orchestra (1979 gegründet). Stimmtonhöhe-Frage mit der Kammertonhöhe 415 Hz als der Bach-typische Stimmung (gegen heutige 440 oder 442 Hz), Choraltonhöhe 466 Hz als die für die Bach-Kantaten in Leipziger Praxis angesetzte Orgel-Stimmung. Verzierungs-Praxis nach Quantz-Versuch (1752 Berliner Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen) und Carl Philipp Emanuel Bach-Versuch (1753 Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen). Tempo-Frage mit der Tactus-Linie (semibreve-Tactus als die Bach-typische Grund-Tempo-Einheit). Sängerbesetzung-Frage zwischen OVPP (One Voice Per Part nach Joshua Rifkin 1981 als die Solo-Besetzungs-These) und Chor-Besetzung (vier bis acht Sänger pro Stimme als die deutsche Tradition).
→ - III
Detmold
Detmold-Klassik-Disziplin. Hochschule für Musik Detmold (gegründet 1946 als die Nordwestdeutsche Musikakademie, seit 1972 Hochschulen-Rang) als eine der größten deutschen Musikhochschulen mit etwa 800 Studierenden in den Studiengängen Künstlerische Ausbildung, Komposition, Kirchenmusik, Tonmeister-Studium. Tonmeister-Institut seit 1949 (mit Joh. Sebastian Bach-Institut für Musikdokumentation seit 1951). Lippische Landeskirche mit der Kantorei-Tradition unter Landeskirchenmusikdirektor:innen in Detmold-Erlöserkirche, Lemgo-St. Nicolai, Bad Salzuflen-Stadtkirche als die Hauptkirchen-Linien. Lippische Landesbibliothek mit der Musik-Sondersammlung. Musik-Festival-Tradition: Bachtage Detmold (Hochschulen-Festival mit unregelmäßiger Frequenz), Konzertreihe Hochschule für Musik Detmold mit etwa 400 Konzerten pro Saison. Konzerthaus Detmold im Sommertheater seit 2009. Landestheater Detmold mit eigenem Sinfonieorchester (Neue Westfälische Philharmonie seit 2008 aus der Fusion Detmold-Bielefeld).
→ - IV
Cembalo
Cembalo-Tasteninstrument-Disziplin. Historische Linie: Antwerpener Cembalo-Tradition (Ruckers-Familie, Hans und Andreas Ruckers seit 1579 mit der Quint- und Oktav-Linie), französische Linie (Pascal Taskin und Henri Hemsch im Paris des 18. Jahrhunderts), deutsche Linie (Michael Mietke in Berlin um 1700, vermutlicher Cembalo-Bauer Bachs Köthener Hofcembalo). Cembalo-Bau-Renaissance seit den 1950ern mit der Pleyel-Wanda-Landowska-Linie (Pleyel-Cembalo als die moderne Pseudo-Cembalo-Variante), seitdem mit der Rückkehr zum historischen Vorbild. Heutige Cembalo-Werkstatt-Linie im DACH-Raum: Matthias Kramer (Berlin seit 1985), Klaus Wittmayer (Wolfenbüttel-Tradition seit den 1960ern als die Marken-Linie), Volker Platte (Köln). Wartung mit der Bezüge-Stimmung-Linie (Cembalo-Stimmung wöchentlich bei häufigem Spiel, vor jedem Konzert obligatorisch). Affettuoso-Konzept als die Cembalo-typische Verzierungs-Linie nach Carl Philipp Emanuel Bach.
→ - V
Chor
Bach-Chor-Disziplin. Klassische Linie: Thomanerchor Leipzig (Thomaskirche-Knabenchor seit 1212 als die Bach-Wirkungsstätte selbst, Bach war Thomaskantor 1723 bis 1750), Kreuzchor Dresden (1216 gegründet), Windsbacher Knabenchor (1946 gegründet), Tölzer Knabenchor (1956 gegründet). Erwachsenen-Chor-Linie: Monteverdi Choir (1964 gegründet von John Eliot Gardiner mit der Bach-Cantata-Pilgrimage 1999 bis 2000), Bach Collegium Japan (1990 gegründet von Masaaki Suzuki mit der Gesamt-Kantaten-Einspielung auf BIS 1995 bis 2013), Gaechinger Cantorey unter Hans-Christoph Rademann seit 2015. Motetten-Tradition mit den sechs Bach-Motetten BWV 225 bis 230 (Singet dem Herrn ein neues Lied BWV 225, Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf BWV 226). Vereins-Kantorei-Linie in evangelischen Kirchen Deutschlands mit etwa 5000 Kantoreien bundesweit (Verband Evangelischer Kirchenchöre Deutschlands VEKCD). Probenpraxis mit der einmal-pro-Woche-Linie.
→ - VI
Aufnahme
Klassik-Aufnahme-Disziplin. Klassische Bach-Gesamt-Einspielungen: Karl Richter mit dem Münchener Bach-Orchester (Archiv-Produktion, 1958 bis 1979 als die Nicht-HIP-Linie der frühen Schallplatten-Ära), Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt (Teldec, 1971 bis 1989 als die erste HIP-Gesamt-Kantaten-Einspielung), Ton Koopman (Erato und Antoine Marchand, 1994 bis 2004 mit Amsterdam Baroque Orchestra), John Eliot Gardiner (Soli Deo Gloria seit 2000, Bach-Cantata-Pilgrimage), Masaaki Suzuki und Bach Collegium Japan (BIS, 1995 bis 2013 als die japanische HIP-Gesamt-Einspielung). Klassik-Label-Linie 2026: Deutsche Grammophon (1898 gegründet, Universal-Tochter), Archiv-Produktion (1947 als die historische DGG-Sublinie), Sony Classical, Warner Classics-Erato, Naxos (1987 gegründet als die Budget-Linie mit 9000-plus Klassik-Aufnahmen), Harmonia Mundi (1958 als die französisch-bayerische HIP-Spitze), BIS (1973 als die schwedisch-japanische HIP-Linie), Alpha Classics (2010 als die französische Independent-Spitze). Streaming-Disruption mit Spotify und Apple Music ab 2008 mit Auswirkungen auf Klassik-Album-Umsätze.
→ - VII
Konzert
Klassik-Konzert-Disziplin. Saison-Logik mit der September-bis-Juni-Spielzeit als die deutsche Standard-Saison-Linie (Sommerpause Juli und August). Konzertsaal-Etikette mit der Pause-zwischen-Sätzen-Frage (kein Applaus zwischen Konzertsätzen als die etwa seit 1900 etablierte Konvention, vorher war Zwischen-Applaus üblich), Kleider-Frage mit der lockeren Standard-Linie 2026 (keine Smoking-Pflicht außer bei Premieren und Jahresabschluss-Konzerten). Bach-Festivals weltweit: Bachfest Leipzig seit 1908 (jährlich Juni) als das größte Bach-Festival, Bach Festival Oregon (1933 als das älteste US-Bach-Festival), Bachwoche Ansbach (seit 1947 als die ältere DACH-Linie). Konzert-Vorbereitung mit der Stimm-Tonhöhe-Klärung bei HIP-Aufführungen (415 Hz), Pulttafel-Praxis im Orchester. Bühnenakustik-Frage mit den deutschen Spitzen-Häusern Elbphilharmonie Hamburg (2017 eröffnet), Philharmonie Berlin (1963 Scharoun), Konzerthaus Wien (1913).
→ - VIII
Recht
Klassik-Recht-Disziplin. GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, Berlin und München seit 1903 als Verwertungsgesellschaft) für Aufführungs- und Senderechte an noch geschützter Musik (70 Jahre nach Komponist-Tod, also Bach-Werke gemeinfrei seit 1820, aber Editionen und Bearbeitungen können neu geschützt sein). VG Musikedition (Kassel seit 1953 als Verwertungsgesellschaft für Musik-Verlage) für Kopier- und Druck-Rechte an Noten-Editionen. Edition-Schutz-Frage: Bach-Werke sind als Komposition gemeinfrei, aber kritische Editionen (Neue Bach-Ausgabe, Bärenreiter-Urtext) sind als wissenschaftliche Bearbeitung schutzfähig nach § 70 UrhG (wissenschaftliche Ausgabe-Schutz 25 Jahre nach Erscheinen). Konzertveranstalter-Pflicht: GEMA-Anmeldung des Programms vor der Veranstaltung, Lizenz-Gebühr nach der Tarif-G-Reihe (etwa 3 bis 5 Prozent der Brutto-Einnahmen bei klassischen Konzerten). VG Musikedition-Lizenz für Programmheft-Notenzitate. DSGVO bei Konzertfotografie mit Publikums-Aufnahme-Pflicht zur Anzeigen-Information.
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