Cembalo-Bau heute — Werkstatt-Tradition zwischen Berlin und Wolfenbüttel
Cembalo-Bau im DACH-Raum 2026 mit der Werkstatt-Linie nach den historischen Vorbildern Ruckers, Mietke und Taskin.
Cembalo-Bau heute — Werkstatt-Tradition zwischen Berlin und Wolfenbüttel
Wer heute im deutschsprachigen Raum ein Cembalo bauen lässt, bewegt sich in einer Werkstatt-Landschaft, die sich über drei Generationen aus den Trümmern einer fast vollständig abgebrochenen Tradition rekonstruiert hat. Dass der Bach-Sammler im Jahr 2026 ein Mietke-Cembalo bestellen kann, das in Klang, Mensur, Saiten-Material und Bezugs-Praxis dem historischen Vorbild plausibel entspricht, ist das Ergebnis von rund sechzig Jahren handwerklicher Selbst-Korrektur. Die Geschichte dieser Korrektur lohnt einen genauen Blick — denn sie erklärt, warum heutiges Cembalo-Spiel anders klingt als noch vor einer Generation.
Historische Vorbilder: Ruckers, Mietke, Taskin
Die historischen Bezugs-Punkte des heutigen Werkstatt-Cembalo-Baus sind im Wesentlichen drei. Da ist erstens die Antwerpener Ruckers-Familie, allen voran Hans Ruckers (gestorben 1598) und sein Sohn Andreas (geboren 1579). Die Ruckers-Werkstatt etablierte ab den 1580er-Jahren eine doppelchörige Disposition mit Quint- und Oktav-Register, deren akustische Qualitäten in ganz Europa als Maßstab galten. Französische und englische Werkstätten kauften Ruckers-Instrumente, zersägten sie und bauten sie als sogenannte „ravalements“ zu größerklavierigen Instrumenten um — ein Praxis-Beleg dafür, wie weit ihre Reputation reichte.
Die französische Tradition kulminierte im 18. Jahrhundert in der Pariser Werkstatt von Pascal Taskin (gestorben 1793). Die Taskin-Cembali sind klanglich wärmer, leiser im Anschlag, mit dichten Resonanzen — sie verkörpern den galanten Geschmack der Zeit Louis XV. und Louis XVI. Für die französische Cembalo-Literatur von Couperin bis Duphly sind Taskin-Repliken die naheliegende Wahl.
Die deutsche Linie ist mit Michael Mietke (Berlin, gestorben 1719) verbunden, dem mutmaßlichen Bauer des Cembalos, das Bach 1719 in Köthen für den Hof Leopolds anschaffen ließ. Mietke baute schwarz lackierte und vergoldete Doppelmanual-Cembali in einer norddeutsch-niederländischen Tradition; das Berliner Charlottenburger Schloss bewahrt zwei Originale. Wenn heute von einem „Bach-Cembalo“ die Rede ist, ist in der Regel ein Mietke-Nachbau gemeint.
Die Pleyel-Landowska-Linie und ihr Scheitern
Die frühe Bach-Renaissance des 20. Jahrhunderts kannte das historische Cembalo noch nicht. Wanda Landowska (1879–1959), die Pionierin der Cembalo-Wiederbelebung, spielte ein bei Pleyel in Paris gebautes Instrument mit Klavier-Mechanik-Anleihen, Eisenrahmen, sechzehn-Fuß-Register und Pedalumschaltung — ein Pseudo-Cembalo, das eher einer Cembalo-Variante des Konzertflügels glich als einem historischen Instrument. Landowskas Pleyel-Cembalo war für die Konzertpraxis der ersten Jahrhunderthälfte eine pragmatische Lösung; aus heutiger Sicht ist die Pleyel-Linie eine Sackgasse. Die historisch informierte Cembalo-Bau-Bewegung der 1960er- und 1970er-Jahre — angeführt von Frank Hubbard und William Dowd in Boston — hat diese Linie methodisch verabschiedet und den Weg zurück zu den historischen Vorbildern eröffnet.
Heutige DACH-Werkstatt-Linie
Matthias Kramer baut in Berlin seit 1985 in der Mietke-Schule; rund 60 Instrumente sind aus seiner Werkstatt hervorgegangen. Seine Mietke-Repliken gehören zu den meistgespielten Bach-Cembali im europäischen Konzertbetrieb, weil sie das Charlottenburger Vorbild mit konsequenter Material-Treue und einem für moderne Konzert-Säle tragfähigen Klangbild verbinden. Wer bei Kramer bestellt, wartet inzwischen zwei bis drei Jahre auf die Auslieferung.
Die Klaus-Wittmayer-Tradition mit Sitz in Wolfenbüttel besteht seit den frühen 1960er-Jahren und gilt als die deutsche Marken-Spitze des Cembalo-Baus; rund 800 Instrumente sind weltweit ausgeliefert worden. Wittmayer-Instrumente sind in Konservatorien, Hochschulen und mittelständischen Konzertveranstaltern Westeuropas verbreitet wie kein zweites deutsches Fabrikat. Die Wolfenbütteler Werkstatt führt mehrere historische Vorbilder im Programm — vom italienischen Einmanualigen bis zum französischen Doppelmanual nach Taskin.
Volker Platte in Köln pflegt die französische Tradition mit Schwerpunkt auf Taskin-Repliken; seine Instrumente sind für Couperin und Rameau die naheliegende Wahl. Nicolas Dumontet, im schweizerischen Raum tätig, hat sich auf italienische Einmanual-Cembali nach dem Vorbild der venezianischen Werkstätten des 17. Jahrhunderts spezialisiert. Diese vier Namen umreißen das Spektrum — von der italienischen über die deutsche und französische bis zur niederländisch-flämischen Linie.
Bau-Tradition im Detail
Der Resonanzboden eines historisch gebauten Cembalos besteht aus Fichte, in der Regel aus dem Val di Fiemme oder dem Schweizer Voralpenraum. Die Lattung auf der Unterseite folgt mensurspezifischen historischen Vorbildern und beeinflusst die Resonanz-Verteilung entscheidend; Werkstätten experimentieren hier kaum, weil die historischen Lösungen sich als akustisch nahezu unverbesserbar erwiesen haben.
Die Bezüge-Wahl ist über Jahrzehnte hinweg Gegenstand grundsätzlicher Debatten gewesen. Bis in die 1960er-Jahre war Federkiel — meist aus dem Schwungfeder-Material des Raben — Standard; mit dem Aufkommen synthetischer Materialien etablierten sich Delrin-Plastikbezüge, die haltbarer und temperaturstabiler waren. Inzwischen hat sich eine Rückkehr zum Federkiel vollzogen, weil der Anschlags-Klang differenzierter und obertonreicher ist. Werkstätten beziehen den Federkiel heute aus spezialisierten europäischen Quellen; die Standzeit ist mit etwa 200 bis 400 Spielstunden pro Bezug deutlich kürzer als bei Plastik, aber das Klangbild rechtfertigt den Aufwand.
Die Stimmstöcke werden traditionell aus Rotbuche gefertigt — das Material muss die Stimmwirbel über Jahrzehnte hinweg sicher halten, ohne zu reißen. Saitenmaterial ist Eisendraht für die hohen Register und Messing für die tiefen; die Mensur-Verhältnisse historischer Vorbilder geben die Drahtstärken-Abfolge vor. Eine Werkstatt, die diese Parameter ernst nimmt, kann pro Jahr drei bis fünf Instrumente fertigen — das erklärt die Wartezeiten und die Preise.
Preis-Range und Wartung
Ein gebrauchtes Cembalo aus Werkstatt-Bau beginnt bei etwa 8.000 EUR; das ist meist ein älteres Wittmayer- oder Sassmann-Instrument aus den 1970er- oder 1980er-Jahren. Ein neu gebautes Instrument nach historischem Vorbild fängt bei etwa 35.000 EUR an; Spitzen-Instrumente — ein doppelmanualiger Mietke-Nachbau von Kramer oder ein Taskin von Platte — liegen bei 60.000 EUR und darüber. Für die professionelle Konzertpraxis ist das eine vertretbare Investition; im Vergleich zu einem hochwertigen historischen Streichinstrument bleibt das Cembalo das günstigste Spitzeninstrument der Alten Musik.
Die Wartung ist anspruchsvoll. Wöchentliches Stimmen ist Standard; vor jedem Konzert wird im Saal nachgestimmt, bei Temperatur- oder Feuchtigkeits-Veränderungen mehrmals während der Aufführung. Die Bezüge müssen regelmäßig nachgeschnitten und gegebenenfalls ausgetauscht werden — eine Tätigkeit, die zur cembalistischen Grundausbildung gehört. Wer ein Werkstatt-Cembalo besitzt, sollte einen Cembalo-Bauer als Vertrauens-Werkstatt haben; die jährliche Inspektion kostet ein paar hundert Euro und verlängert die Lebensdauer des Instruments um Jahrzehnte.
So gewachsen ist die heutige Cembalo-Bau-Landschaft eine handwerkliche Erfolgsgeschichte, deren Früchte jeder Konzertbesucher in jedem Bach-Konzert hört — meist ohne zu wissen, wem er sie verdankt.