Hochschule für Musik Detmold — die HIP-Schule Westfalens
Hochschulen-Portrait der Hochschule für Musik Detmold mit Schwerpunkt auf der historisch informierten Aufführungspraxis und der Tonmeister-Tradition.
Hochschule für Musik Detmold — die HIP-Schule Westfalens
Wer in Deutschland eine Karriere in der historisch informierten Aufführungspraxis ansteuert, kommt an wenigen Adressen nicht vorbei: Bremen, Trossingen, Köln, Karlsruhe — und Detmold. Die Hochschule für Musik Detmold gehört, gemessen an der Dichte der HIP-Klassen und an der traditionellen Verzahnung mit dem Tonmeister-Studium, zu den prägenden Ausbildungs-Stätten Westfalens und darüber hinaus. Wer die HIP-Landschaft im deutschsprachigen Raum verstehen will, muss verstehen, was in Detmold seit dem Ende der 1940er-Jahre an institutionellen Strukturen gewachsen ist.
Geschichte: von der Musikakademie zur Hochschule
Gegründet wurde die spätere Hochschule für Musik im Jahr 1946 als Nordwestdeutsche Musikakademie unter der Leitung der Pianistin Anny Schimanowski. Detmold, im Krieg weitgehend unzerstört geblieben, bot in der unmittelbaren Nachkriegszeit Räume, die für eine Musikausbildung in dieser Größenordnung andernorts kaum verfügbar waren. Die Verlegung der niedersächsischen Staatlichen Hochschule für Musik nach Detmold folgte einer kulturpolitischen Logik der britischen Besatzungszone: konzentrierte Hochschul-Kapazitäten in einer ostwestfälischen Mittelstadt mit hervorragender akustischer Infrastruktur.
1972 erhielt die Akademie Hochschul-Rang und firmiert seither als Hochschule für Musik Detmold. Bereits 1949 hatte Erich Thienhaus das Tonmeister-Institut gegründet — eine Pioniertat, denn Deutschland besaß damit eine der ersten universitären Ausbildungs-Stätten für Tonmeister überhaupt. Diese Verbindung von künstlerischer und tontechnischer Ausbildung prägt das Profil der Hochschule bis heute. Wer in Detmold studiert hat, kennt die andere Seite des Studio-Mikrofons, und das gilt nicht nur für die Tontechniker.
Heutige Struktur
Mit rund 800 Studierenden gehört die Hochschule zu den mittelgroßen Musikhochschulen Deutschlands. Das Studienangebot umfasst die klassische Künstlerische Ausbildung in allen Instrumenten, Komposition, Kirchenmusik, das Tonmeister-Studium, eine im Westfälischen früh etablierte Detmolder Jazz-Linie und die HIP-Klasse. Die Klasse für Cembalo und Generalbass besteht in ihrer heutigen Form seit den frühen 1990er-Jahren und hat sich zur Drehscheibe der Detmolder Alte-Musik-Szene entwickelt; um sie herum gruppieren sich Klassen für Barockvioline, Traversflöte, Barockoboe und das historische Continuo-Spiel auf Laute und Theorbe.
Der HIP-Schwerpunkt versteht sich nicht als Spezialistentum am Rand, sondern als verzahnter Bestandteil der klassischen Ausbildung — ein Modell, das in der internationalen Hochschul-Landschaft zunehmend Schule macht. Wer in Detmold modernes Cello studiert, kann nebenher das Spiel auf der Darmsaite erlernen, und umgekehrt führen die HIP-Klassen ihre Studierenden regelmäßig auch in die klassisch-romantische Repertoire-Praxis hinein.
Joh. Sebastian Bach-Institut und Lippische Landesbibliothek
Eine Institution macht Detmold für die Bach-Forschung unverzichtbar: das Joh. Sebastian Bach-Institut für Musikdokumentation, das seit 1951 an der Hochschule angesiedelt ist. Sein Bestand umfasst etwa 4.500 Mikroverfilmungen von Bach-Quellen aus Bibliotheken und Archiven weltweit — eine Sammlung, die nach den großen Bach-Archiven in Leipzig und Göttingen zu den dichtesten überhaupt zählt. Für Editorinnen und Editoren, die mit der NBA-Tradition arbeiten, ist Detmold deshalb eine ständige Anlaufstation; viele kritische Berichte enthalten Hinweise auf Detmolder Mikrofilm-Signaturen.
Die Lippische Landesbibliothek, fußläufig vom Hochschul-Campus erreichbar, ergänzt diesen Forschungs-Apparat mit einer Musik-Sondersammlung von etwa 30.000 musikbezogenen Beständen. Besonders die lippisch-protestantische Kirchenmusik-Sammlung ist für die Aufführungs-Praxis norddeutscher Barockmusik eine schwer zu überschätzende Quelle. Wer eine Kantate von Buxtehude, Tunder oder einem der Telemann-Schüler vorbereiten will, findet hier mit hoher Wahrscheinlichkeit Aufführungs-Stimmen, die in keinem überregionalen Katalog verzeichnet sind.
Konzert-Infrastruktur
Seit 2009 verfügt die Hochschule mit der Konzerthalle Detmold im umgebauten Sommertheater über einen modernen Konzertsaal mit etwa 600 Plätzen und einer akustisch differenziert auslegbaren Bühne. Der Saal hat sich zur ersten Adresse der Hochschul-Konzerte entwickelt, ergänzt das ältere Brahms-Saal-Ensemble und ermöglicht erstmals Doppelchor-Aufführungen im für solche Werke angemessenen Rahmen. Die Akustik wurde unter Mitwirkung des Tonmeister-Instituts kalibriert — ein Detail, das die enge Verzahnung der Hochschul-Bereiche illustriert.
Die Neue Westfälische Philharmonie, seit 2008 als Hochschul-Orchester-Kooperation zwischen Detmold und Bielefeld bestehend, gibt Studierenden einen geschützten Rahmen, um Orchester-Repertoire unter professionellen Bedingungen zu erarbeiten. Sie tritt in beiden Hochschulen-Städten und an westfälischen Festival-Schauplätzen auf und hat sich mit Programmen zur Wiener Klassik und zur Frühromantik profiliert.
Festival-Tradition und Konzert-Dichte
Die Bachtage Detmold haben in unregelmäßiger Frequenz seit den 1980er-Jahren stattgefunden, ohne sich zu einem festen jährlichen Festival zu verstetigen. Versuche zur Re-Aktivierung gibt es in jeder Hochschul-Generation; die Quellenlage zur Detmolder Bach-Pflege ist allerdings reich genug, um auch in stillen Festival-Jahren eine substanzielle Konzert-Praxis zu tragen. Die Hochschul-Konzertreihe selbst umfasst pro Saison etwa 400 Konzerte — vom Klassenabend über das große Sinfoniekonzert bis zur Werkstatt-Aufführung in der Konzerthalle.
Diese Konzert-Dichte ist eines der unsichtbaren Pfunde der Detmolder Ausbildung. Studierende sammeln in vier oder fünf Studienjahren eine Bühnen-Erfahrung, die andernorts schwer zu erreichen ist. Die Tonmeister-Studierenden produzieren parallel — und der Studio-Output der Hochschule landet regelmäßig auf Label-Veröffentlichungen, was die Studio-Praxis frühzeitig professionalisiert.
Alumni und Lehrende
Die Liste der Detmolder Alumni und Lehrenden ist lang; einige Namen mögen hier exemplarisch genügen. Tabea Zimmermann (Viola) lehrte bis 2000 in Detmold, bevor sie nach Frankfurt und Berlin wechselte. Heinz Holliger gab an der Hochschule Meisterkurse, ohne fest gebunden zu sein. Aus der HIP-Klasse für Cembalo sind Generalbass-Spezialisten hervorgegangen, die heute in den großen deutschen Barockorchestern Schlüsselpositionen besetzen — von der Akademie für Alte Musik Berlin über das Freiburger Barockorchester bis zum Concerto Köln. Im Bereich Tonmeister haben Detmold-Absolventen praktisch jedes deutsche Klassik-Label personell mitgeprägt; die Bach-Cantatas-Reihen von Suzuki, Herreweghe und Gardiner wurden alle zumindest teilweise von Detmolder Tonmeistern oder deren Schülern produziert.
Dass eine Stadt von rund 75.000 Einwohnern eine Hochschule dieses Profils trägt, ist westfälisch unaufgeregt und für die Bach-Welt schlicht unverzichtbar.